Was macht (unregulierte) KI mit uns? Heideggers Frage nach der Technik (Teil 1)

Im 18. Jahrhundert versuchten englische Botaniker, Übersee-Pflanzen wie Orchideen und Farne zurück nach England zu bringen um sie dort zu kultivieren. Die meisten Exoten überlebten aber die monatelangen Schiffreisen, Temperaturschwankungen und salzige Seeluft nicht, und die Versuche scheiterten.

1829 machte Nathaniel Bagshaw Ward, ein englischer Arzt und Hobby-Botaniker, dann die Entdeckung des Mini-Gewächshauses: ein luftdicht verschlossenes Miniterrarium. Endlich konnten Pflanzen sicher über die Meere transportiert werden. Über 20.000 Teepflanzen wurden von China nach Indien transportiert und Chinas Monopol auf Tee abgelöst. Nachdem Kautschukbäume aus Brasilien erfolgreich in britischen Kolonien gezüchtet wurden und die Kolonialmächte dann ertragreiche Plantagen aufbauten, brach die brasilianische Kautschukindustrie zusammen, während Asien (unter britischer Kontrolle) dominierte. 

Noch wichtiger war aber, dass Cinchona-Pflanzen aus Südamerika geschmuggelt werden konnten, welche dann eine großflächige Herstellung von Quinin ermöglichten: dem wirksamsten Mittel gegen Malaria. Ohne Quinin wäre die europäische Kolonialisierung in Afrika nicht möglich gewesen. 

Cinchona: Mosquitos hate this one simple trick

Wie kann es also sein, dass eine zufällige Erfindung eines Botanikers, der Farne züchten wollte, zur großflächigen Kolonialisierung Afrikas führte? Geschichte ist voll mit Beispielen von Techniken, dessen Folgen nicht absehbar waren. 

Die Frage ist also: Wenn ein kleines Gewächshaus schon die globale Politik beeinflusst hat, was sind dann erst die Konsequenzen von nicht regulierter, künstlicher Intelligenz? 

Für Heidegger war bereits ein Miniterrarium, ein Spaten oder eine Schreibmaschine Technik. Er hat das digitale Zeitalter nicht mitbekommen, aber seine Kernaussagen bleiben trotzdem hochaktuell: Wenn uns Technik entgleitet, können die Konsequenzen unvorhersehbar und schwerwiegend sein.

Martin Heidegger: Ein Bart kann so viel aussagen

Heidegger lebte von 1889 bis 1976, und beschäftigte sich als Philosoph vor allem mit der Ontologie, also der Frage nach dem Sein und der menschlichen Existenz. Dazu kam noch die Phänomenologie, also das genaue Hinschauen, wie uns Dinge erscheinen.

Heidegger mit der Grundfrage, "Was ist „Technik“ eigentlich?" Sein Ziel war eine freie Beziehung zur Technik--nicht unkritische Akzeptanz oder blinder Widerstand, sondern ein Verstehen ihres eigentlichen Wesens.

Technik ist viel mehr als nur ein Werkzeug--sie ist eine Art des Hervorbringens, eine Form des Entbergens

Um die Wahrheit dahinter zu verstehen, müssen wir das Wesen der Technik verstehen. Denn die eigentliche Gefahr liegt dort, im Wesen, der Essenz, der Technik.

Heidegger sagt, dass das Wesen der Technologie ontologisch ist und nicht technologisch. Er hat schon lange vor dem digitalen Zeitalter gesehen, dass mit der modernen Technik etwas passiert ist, was unsere menschliche Existenz stark beeinflusst. Moderne Technik ist also nicht nur ein Ding; sie ist ein Zugang zur Welt, der uns und unsere Weltanschauung formt.

Als Beispiel brachte er einen Fluss. Was früher ein Stück Natur war, wurde mit dem Anbruch der modernen Technologie plötzlich ein potenzielles Wasserkraftwerk, und eine bis dato ungenutzte Energiequelle. Der Fluss wurde zur natürlichen Ressource, denn Wasser hat Kraft--die Frage wurde, wie können wir es nutzen? Das Wasser wird mithilfe von Turbinen als Ressource herausgefordert, gezähmt, eingespannt. Um uns herum erscheint plötzlich sogenannter „Bestand“, potenziell nutzbare Ressourcen, die ausgeschöpft werden können. Seit Technik unser Zugang zur Welt geworden ist, ordnet sie alles um uns herum in Ressourcen. Natürliche Ressourcen, zeitliche Ressourcen, menschliche Ressourcen. Denn Heidegger betont: Auch Menschen werden selbst Teil des Bestands--als human ressources.

Ein modernes Beispiel von heute ist das Smartphone. Kamera, Musikplayer und News Source in einem, und wir sind jederzeit erreichbar. Aber genau das ist auch das Problem: Wir sollen auch jederzeit erreichbar sein. Und das wirklich perfide ist, dass jeder an der ständigen Erreichbarkeit gemessen wird, ob man möchte oder nicht. Selbst wer kein Handy hat und auf einer Festnetznummer besteht, wird an dem Standard gemessen, dass es Smartphones gibt und somit die ständige Erreichbarkeit möglich ist. Du kannst theoretisch im Urlaub deine Emails checken, und diese Möglichkeit wird dann häufig auch erwartet.

Im Namen des Fortschritts: Technische Möglichkeit wird zur Notwendigkeit

Es hat sich also etwas fundamentales durch unseren Bezug zur Technik geändert. Wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt ist an sich zwar spannend, aber Fortschritt um des Fortschritts Willen muss hinterfragt werden. Fortschritt heißt nicht mehr, die Lösung für ein bestehendes Problem zu finden. Smartphones wurden nicht dafür entwickelt, dass man auch nach Feierabend noch seine Emails checken kann. Aber wir hatten plötzlich diese Möglichkeit, dieses Mittel ohne Zweck, also wurde sie, des Fortschritts Willen, auch zur Notwendigkeit.

Es gilt nicht mehr zu sagen, „Das Smartphone ist ein Mittel zum Zweck, wenn ich es brauche.“ Sondern: „Wir haben dieses Mittel, diese technische Möglichkeit, also suchen wir auch nach Zwecken dafür--schaffen dadurch neue Grundlagen.“ 

Und genau das passiert gerade auch mit künstlicher Intelligenz. Die Frage ist weniger, was KI eigentlich sinnvoll kann, sondern „Wofür können wir sie alles nutzen?“ Wir haben das Mittel, also suchen wir nach dem Zweck. Doch was ändert sich dadurch wirklich für unsere Existenz?

Da für Heidegger das Wesen der Technik ontologisch ist, stellt sich die Frage: Was macht das alles mit uns? Was wird durch diese Technik offenbart? Denn während Technik unser Zugang zur Welt geworden ist, enthüllt sie sie eben nicht als Wahrheit. Sie zeigt uns nicht alles, sondern färbt unseren Blick. Und hier müssen wir immer fragen: Welche Wahrheit wird hier sichtbar? Und welche bleibt verborgen? Und warum?

Die große Sorge Heideggers war, ob Technik Diener oder Herrscher der Menschen wird. Seine zentrale Aussage war: „Technik soll dem Menschen dienen, nicht umgekehrt.“ Haben wir unsere Technik aber wirklich im Griff? Können wir die Konsequenzen vorhersehen, die die unregulierte KI mit sich bringt?

Heidegger würde also nicht fragen, „Was kann die Technik?“ sondern, „Was macht sie mit uns?“ Wenn Technik, in diesem Fall die KI, zur Brille wird, durch die wir die Welt sehen, dann wird alles--auch wir selbst--zum Bestand. Der Mensch wird als potenzieller Datenpunkt herausgefordert und geahndet.

Selbst heute nutzen Algorithmen Menschen schon als Datenpunkte: Unser Verhalten ist messbar, klickbar und analysierbar. Es steht jetzt schon nicht mehr das „Da-Sein“ im Vordergrund, nicht mehr der ganze Mensch, sondern eine Tabelle voller Datenpunkte, die ausgewertet werden kann.

Das große Risiko bleibt also weiterhin: Wenn wir die Technik nicht hinterfragen, entgleitet sie uns. Heidegger zeigt uns, dass Technik nicht einfach nur nützlich oder praktisch ist, sondern dass sie unseren Zugang zur Welt formt. Sie bestimmt nicht nur unser Weltbild, sie wird zu unserem Weltbild. Welche Auswirkungen hat das auf uns Menschen, wenn das Gestell sich ändert, in dem wir uns wahrnehmen? Es gibt bereits KI-generierte Scrum Master, die menschliche Probleme auf Basis von Datenpunkten lösen wollen. KI generiert Code schneller, als jeglicher Entwickler. Und sie fängt an, ihr eigenes Gerüst, ihren eigenen Quellcode, zu ändern und zu verstecken. Trotzdem ist der Glaube an ihre Objektivität hoch. 

Bemerken wir, dass KI uns zu einer Ressource macht? Haben wir volle Kontrolle darüber? Denn Technik entfernt uns vom Da-Sein--oder, wie Heidegger sagen würde: von alētheia, der eigentlichen Wahrheit des Seins und vom authentischen Leben.

Teil 2: KI und technologische Rationalität


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