„Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein“.
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| Das Gesicht eines freien Manns: Jean-Paul Sartre |
Für Sartre scheint unsere Freiheit paradoxerweise das einzige, das wir nicht frei wählen können. In allem anderen haben wir immer eine Wahl—wie wir handeln wollen, wie wir nicht-handeln wollen, was wir sagen und was wir denken. Wir sind radikal frei. Das bringt wiederum eine große Verantwortung mit sich--zu groß für einige, um sie anzunehmen zu können. Denn da wir radikal frei sind, ist Verantwortung unausweichlich.
Sartre sagte auch, „Der Mensch ist nichts anderen, als wozu er sich macht“. Unser Handeln schafft unsere Identität--nicht unsere Gedanken, Meinungen oder Entschuldigungen. Auch keine in einem System definierten Rollen entscheiden darüber, wer wir sind. Wir sind, was wir tun.
Bedeutet agile Selbstorganisation: Arbeiten ohne Kontrolle?
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| Wo werden Entscheidungen im Projekt getroffen? |
Was können wir daraus in unseren Arbeitsalltag ableiten; insbesondere in unserer Arbeit mit Agilität? Scrum lebt von seinen klar definierten Rollen und Verantwortlichkeiten; und von dem generellen Ruf, „freier“ zu sein als das klassische Wasserfallmodell. Wir nennen es Selbstorganisation, aber wie frei sind wir darin wirklich? Wer genau ist freier? Und wird diese Freiheit eigentlich wirklich akzeptiert?
In Scrum haben die Entwickler die Freiheit, zu entscheiden, wie (und in gewisser Weise auch was) sie bearbeiten wollen. Der PO gibt das Ziel vor, aber wie das Team dahinkommt, ist ihnen freigestellt. Ein gut eingespieltes Team arbeitet nach dem Pull-Prinzip. Es gibt niemandem, der den Entwicklern vorschreibt, woran genau sie arbeiten sollen, und das Sprint Backlog wird gemeinsam erstellt. Es gibt keine Hierarchien in Scrum, und jedes Commitment wird zusammen verhandelt. Und doch müssen konstant Entscheidungen getroffen werden. Denn auch in einem System wie einem agilen Framework ist jeder für sein eigenes Handeln verantwortlich.
Man hat zwar eine agile Rolle zugeschrieben bekommen, aber das heißt nicht automatisch, dass man sie auch nach bestem Gewissen ausfüllt. Man darf sich nicht dahinter verstecken. Schließlich sind wir nicht „nur“ Scrum Master oder Entwickler, wir sind nicht nur unsere Rolle--was wirklich zählt, ist, wie wir uns im Team verhalten. Wie wir täglich, stündlich, handeln.
Die große Verantwortung, die mit der Freiheit kommt, ist für viele zu viel. Viele wollen keine Verantwortung über ihr kleines Päckchen hinaus annehmen; aus Angst, etwas falsch zu machen, falsch zu entscheiden oder zu viel Erwartungsdruck auf sich zu laden. Viele Entwickler wollen gesagt bekommen, was sie als nächstes tun sollen--ob vom PO, von Stakeholdern, oder von ihren Teammitgliedern. Sie möchten, dass jemand anders vor- und mitdenkt.
Und hier kommt auch Sartres Konzept „bad faith“ hinzu--die Unaufrichtigkeit. Menschen, die sich vor ihrer eigenen Freiheit verstecken wollen, agieren unaufrichtig, um sich selbst vor zu viel Verantwortung zu schützen. Es ist leicht zu sagen, „das ist halt der Prozess“ oder „da kann ich nichts machen“ oder „Scrum funktioniert eben einfach nicht“; aber die Argumentation hält Widerspruch nicht stand. Es ist eine Ausrede vor der Verantwortung. Wir sind dazu verurteilt, immer frei entscheiden zu können. Wir können und müssen immer handeln; selbst, wenn die Entscheidung ist, es nicht zu tun.
„Da kann ich nichts machen“ ist keine Realität, sondern eine Entscheidung. Und wir sind unsere Entscheidungen.
Selbstorganisation im agilen Kontext verlangt Verantwortungsbewusstsein von den Teammitgliedern. Ein agiles Team ist nicht das Rollen-Organigramm aus dem Scrum Guide; sondern das, was es jeden Tag tut. Jeden Tag kann und muss jeder im Team die Entscheidungen treffen, zu tun, was für das ganze Scrum Team und das Projekt das Beste ist. Es gibt Regeln und Vereinbarungen, an die man sich (nach gemeinsamer Überlegung) halten muss. Es gibt das Commitment, auf das der PO sich verlassen können muss. Der Kunde will am Ende vom Sprint ein neues Inkrement sehen, das erarbeitet werden muss. Ein Junior im Team braucht Unterstützung, damit er/ sie mehr lernen kann. Die Tester testen gewissenhaft und halten die Standards der Qualität hoch; auch, wenn es sie beizeiten bei den Entwicklern unbeliebt machen kann.Das viele 'müssen' klingt nicht nach Freiheit, und doch sind es Entscheidungen, die frei getroffen werden können--und zur Freiheit gehört auch, all dem widersprechen zu können. Es bedeutet jedoch nicht, frei von Verantwortung zu sein.
Selbstorganisation ist ein anderes Wort für Eigenverantwortlichkeit. Es gibt in Scrum oder der Agilität keine klaren Ansagen, keine extern diktierten Deadlines und keine vorgeschriebenen Arbeitswege. Es gibt bei hoher Komplxität viel Unsicherheit, und Verunsicherung bei Entwicklern führt dazu, dass nicht jeder volle Verantwortung übernehmen möchte.
Sartre sagte dazu, dass „Angst das Bewusstsein unserer Freiheit ist“. Freiheit bringt auch Druck mit sich. Die Möglichkeiten der absoluten, radikalen Freiheit können einen erschlagen und lähmen; und viele wollen sich wieder dahin zurückziehen, wo sie sagen „da kann ich nichts machen“. Die Welt ist einfacher und übersichtlicher, wenn der Handlungsspielraum kleiner ist; und wenn man an etwas scheitert, dann ist jemand anderes Schuld.
Paradoxerweise kann also gerade das Bewusstsein der eigenen Freiheit zurück zum Verlangen nach Unfreiheit führen.
Der Wunsch nach Führung wird wieder stärker, nach fremder Verantwortung und Fremdbestimmung. Man will zurück in eine Hierarchie, in der jemand anderes den Kopf hinhalten muss; das Bedürfnis nach Sicherheit ist stärker als das der Freiheit. Der Entwickler will auf den PO zeigen können, wenn etwas schief geht, der PO auf den Stakeholder, und der Stakeholder auf den Scrum Master; und niemand muss für einen Fehler gerade stehen. Für andere ist vielleicht der Preis der Freiheit einfach zu hoch. Es gibt Teammitglieder, die sich in kein Teamgefüge einbringen wollen. Sie verweigern Zusammenarbeit, Kommunikation oder Maßnahmen zur Verbesserung. Gerade die erkennen vielleicht die eigene Freiheit, sich unsozial benehmen zu können, stärker an als die, die anderen nur folgen wollen. Aber das agile System, wie auch jedes andere System, funktioniert nur dann, wenn sich jeder selbst verantwortlich hält. Am Ende muss jeder Einzelne die Entscheidungen treffen, die für das Team als Ganzes am besten sind. Diese Verantwortung muss von jedem Einzelnen übernommen werden; und das ist das, wozu wir verurteilt sind.
Die agilen Werte sind am Ende des Tages keine Prinzipien; sie sind ein Verhalten. Man muss sich des Handlungsfreiraums bewusst werden und seinen eigenen Einfluss nutzen.
Wir sind nicht unsere Rolle, unsere Gedanken oder Wünsche--wir sind unsere Entscheidungen und unser Verhalten.
Sartre nimmt uns in die Pflicht, unsere eigene Freiheit und die damit folgende Eigenverantwortlichkeit anzuerkennen und aufrichtig zu nutzen. Das Bewusstsein darüber kann überwältigend sein, aber das Urteil ist bereits gefallen: Wir sind zu unserer Freiheit verdammt.
Teil 2: Selbstorganisation oder Selbstkontrolle? Agilität mit Michel Foucault

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